Auf dem Sprung

Ein Projekt, gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der                                                 Bundesregierung für Kultur und Medien

Einleitung

Als Seiltänzerin arbeite ich meist für ein großes Publikum. Zu einer gelungenen Darbietung gehören neben dem über das Seil gehen, durchaus auch Sprünge, um die Wendigkeit und Geübtheit in dieser Disziplin zu unterstreichen.

Gerne möchte ich in der jetztigen Zeit, wo es aufgrund der Corona Pandemie kaum Auftritte geben kann, diese Sprünge näher betrachten, um eine weitere Dimension davon zu verstehen. Sowohl tänzerisch auf dem Boden, wie oben auf dem Seiltanz Seil. Dazu habe ich einige Recherchefragen gesammelt, die ich gerne erforschen möchte:

 

Was passiert in dem kurzen Moment in der Luft, wenn ich den Boden oder das Seil verlasse?

 

Welchen Abdruck hinterlasse ich am Boden/auf dem Seil?

 

Und es gilt den „toten Punkt“ zu ergründen, den Moment, wo die Richtung von aufwärts zu abwärts ändert und die Schwerkraft einen wieder zurück holt.

 

Mit diesem Projekt können die Sprünge vertieft werden, die Sprung-Technik verbessert und weiter entwickelt, aufdass ich in Auftrittszeiten mit einem anderen Verständnis an sie herangehen kann.

Den Prozess möchte ich gerne an dieser Stelle in einer Art Seil- Tagebuch dokumentieren.

 

1.April 2021

 

Die Atmung

Ich beobachte die Atmung bei den hohen Sprüngen auf dem Seil.

Es ist immer ein Moment des Mutes und der höchsten Konzentration, wenn man sich bereit macht und die Füsse in Position zum Absprung bringt. Ich atme ein letztes Mal ein, dann aus- am Ende des Ausatmens, aus der Stille kommt der Abdruck für den Sprung.

Im Sprung selbst zieht die Lunge wieder Luft ein. Mit der Landung und dem Ende des Sprunges wird ausgeatmet.

 

Es ist wichtig, in der Atmung zu bleiben, sie zuzulassen und nicht vor lauter Stress etwas zu übereilen und unregelmäßig zu werden. So gibt der neue Sauerstoff der beim abdrücken einfließt, wieder eine Menge Energie, um im toten Punkt das Kunststück zu machen.

 

Eine gute Atmung lässt den Fluss stets fließen und sorgt dafür, dass man nicht völlig verkrampft und durch diese Verkrampfung das Gefühl für den Körper im Raum verliert.

Dieses Fühlen ist essentiell, denn kleine Nuancen von Schieflage, die aus jedem Absprung hervor gehen können, müssen unmittelbar in der Luft korrigiert werden, damit man bei der Landung wieder auf das Seil trifft.

 

 

 

 

 

 

2.April 2021

 

Dreifach ist der Rhythmus des Lebens:

Nehmendgebendselbstversunken.

Einatmend nehm’ ich die Welt in mir auf.

Ausatmend gebe der Welt ich mich hin.

Leergeworden leb’ ich mich selbst-

Lebe entselbstet und öffne mich neu:

Einatmend nehm’ ich die Welt in mir auf.

Ausatmend gebe der Welt ich mich hin.

Entleert erleb’ ich die Fülle,

entformt erfüll ich die Form.

Anagarika Govinda

1898-1985 deutscher Interpret des Buddhismus und Daoismus

 

 

6.April 2021

 

Die Gedanken

Neben dem Atem beobachte ich meine Gedanken auf dem Seil.

 

Es gibt wohl verschiedenen Eben des Denkens, jedenfalls beobachte ich das bei mir. Manchmal bin ich ganz bei der Sache und Gedanken ziehen nur leise vorüber, wie kleine Wolken. Manchmal gibt es Gedanken, die mich richtig absorbieren und auch noch eine Emotion mit sich ziehen. Die sind dem Seil nicht dienlich. So wie auch eine angehaltene Atmung dazu führt, dass ich das Seil nicht mehr so gut fühle oder kein so präzieses Gefühl von meinem Körper im Raum/ in der Luft habe schneiden auch dicke Gedankenwolken störend vom Tun ab. Anhand von kleinen „Vertretern“ der Füsse oder nicht voller Konzentration beim Sprung, geht die Landung neben das Seil oder endet in einer unwirschen Korrekturbewegung.

Ein gutes Training ist meist eines ohne viel Gedanken und Themen, eines aus einfacher Präsenz für das, was gerade getan wird.

 

Wut ist das stärkste Betäubungsmittel, um die Verbindung zum Körper zu kappen.

 

7.April 2021

Zu dem täglichen Trainig gehört auch das springen auf dem kleinen Trampolin. Es wärmt den Körper nicht nur auf, sondern bietet eine wunderbare Gelegenheit, die großen Sprünge zu springen ohne so päziese landen zu müssen, wie auf dem 12mm dünnen Drahtseil. Experimente sind also ohne großes Verletzungsrisiko zu machen und man kann sich an Neues herantasten.

 

 

 

8.April 2021

9.April 2021

 

Die 3 Phasen des Sprungs

 

Ein Sprung auf dem Seil hat drei Phasen und diese zu beachten ist die große Aufgabe.

Mit Phase 1 ist der Anfange des Sprunges, der Abdruck in das Seil gemeint, dann geht es in die Luft oben am toten Punkt ist Phase 2, dort wird das Kunststück/ die Verzierung des Sprungs gemacht zB. die Beine für einen Spagat aufgerissen. Mit dem Enden der Phase 2 werden schnell die Beine geschlossen und landungsbereit in die Landeposition gebracht. Das Aufkommen ist die Phase 3.

 

Mein Lehrer Ernesto zählte immer 1-2-3 und bestand darauf, dass alle Phasen in gleichmäßigem Rhythmus aufeinander folgen. 1-2-3 und nicht 12—3 oder 1—23.

Stunde um Stunde zählte er un-dos-tres und das hat sich in meinem Ohr eingeprägt.

 

So korrigiere ich mich nun selbst und zähle innerlich. Geht ein Sprung nicht gut, analysiere ich, ob ich im Rhythmus war. Manchmal krache ich wie in das Seil. Es ist noch nicht bereit mich aufzunehmen. Dann war ich zu früh wieder zurück. Es bedeutet, dass zwischen Phase 1 und 2 zu wenig Raum war, dass ich die Bewegung der Phase 2 (zB. den Spagat) vor dem toten Punkt erzwinge und dann zu dem Zeitpunkt lande, wo das Seil noch durch mein nicht mehr vorhandenes Gewicht am hoch schnellen ist. Das Seil und meine Füße stoßen sozusagen aufeinander anstatt dass das Seil mich wieder weich aufnimmt.

Es ist recht typisch, dass man vor lauter Nervosität zu früh in Phase 2 will und einen guten Abdruck von Phase 1 abkürzt. Hinhören ist bei den Sprüngen die Haupttätigkeit.

 

 

 

Ich springe und zähle

Ich komme an und analysiere.

Ich springe und zähle

Ich komme an und...

...analysiere, ob ich mit dem Rhythmus des Seils war oder mein eigenes Ding drehte.

 

Höre ich genau auf den Rhythmus und die Feder, ist der Sprung schön, hoch, braucht nicht viel Kraft und ich habe Zeit die Beine für einen herrlich weiten Spagat zu öffnen und am Ende sogar gut zu landen.

 

 

 

 

 

 

 

16. April 2021